[SFCh-Rezi] „Eine Handvoll Venus“ von Frederik Pohl, Cyril M. Kornbluth

Die Station:

Pluto – Randerscheinungen der Sci-Fi.

Und so beginnt es:

»Als ich mich an jenem Morgen anzog, ging ich im Geiste die lange Liste von Statistiken, Ausflüchten und Übertreibungen durch, die man in meinem Bericht erwartete. Meine Abteilung – Produktion – hatte sich mit einer Serie von Krankheitsfällen und Kündigungen herumschlagen müssen, und die Arbeit lässt sich nicht erledigen, wenn keine Leute da sind. Für die Direktion allerdings würde das kaum als Entschuldigung gelten.«

Zusammenfassung

Kurz: Mitch arbeitet in einer der grössten Werbeagenturen, welche im 21. Jahrhundert die Welt beherrschen, wird Abteilungsleiter für das Venusprojekt und lernt auf einmal die Welt aus den Augen eines „Verbrauchers“ zu sehen.
Etwas länger: Im 21. Jahrhundert wird die Welt von Werbeagenturen „regiert“. Natürlich ohne, dass die Verbraucher das wirklich bewusst wahrnehmen. Werbung ist allgegenwärtig und eines der schlimmsten Verbrechen sind Handelsvergehen im Allgemeinen und Vertragsbruch im Speziellen.
Nachdem Mitch Courtenay zum Projektleiter für eine der gigantischsten Lügenkampagnen der Werbegeschichte befördert wird gerät er unversehens in einen Strudel aus Macht, Verrat, Intrigen und Ränkespielen. Sowohl in privater als auch in geschäftlicher Hinsicht. Kurz nachdem er in die „Starklasse“ aufsteigt beginnt auch schon sein Fall in die untersten Tiefen der „Verbraucherschicht“, also den 15/16 der Menschheit die es auszubeuten gilt. Zuerst weigert er sich standhaft und sucht verzweifelt nach einem Ausweg, zurück in die Bequemlichkeit der Oberschicht. Bis er …

Meine Meinung

Dafür, dass der Roman schon beinhane 60 Jahre (im Original) auf dem Buckel hat ist er – etwas pessimistisch betrachtet – nicht so weit von der Realität heute entfernt wie man meinen könnte. Es ist eine Satire auf das Konsumverhalten in den USA von damals, was jedoch nicht heisst, dass er an Aktualität verloren hätte. Im Gegenteil.
Kleiner Wermuthstropfen ist die Hauptfigur, deren Wandlung für mich nicht ganz nachvollziehbar ist. Zuerst fast nicht und dann sehr plötzlich. Trotzdem und vor allem wegen der Geschichte selber ist das Buch lesenswert. Die Handlung ist nämlich nicht vorhersehbar, jedenfalls bin ich mehr als ein Mal in die Irre geführt worden, allerdings ohne der inneren Logik der Geschichte Gewalt antun zu müssen.

Fazit

Witzig und leicht zu lesen und dank seines Umfangs eine gute Lektüre für unterwegs. Empfehlung.

Gesamteindruck

Sprache / Stil: 7/10
Figuren: 7/10
Handlung: 8/10
Schlusswertung: 7/10 Punkte

Eine Handvoll Venus
Heyne / 1982 / 240 Seiten
Frederik Pohl, Cyril M. Kornbluth
ISBN: 978-3-453-30794-0

[SFCh-Rezi] „Der letzte seiner Art“ von Andreas Eschbach

Die Station:

Erde – Erdzentrierte Sci-Fi.

Und so beginnt es:

»Am Samstagmorgen erwachte ich blind und halbseitig gelähmt. Ich bin schon oft blind gewesen und auch schon oft halbseitig gelähmt, aber in letzter Zeit bin ich öfter beides gleichzeitig, und das fängt allmählich an, mir Sorgen zu machen.«

Zusammenfassung

Kurz: Ein frühpensionierter Cyborg-Super-Marine lebt in einer kleinen irischen Stadt zurückgezogen und friedlich, bis eines Tages jemand nach ihm sucht. Jemand, der nichts von ihm wissen dürfte …
Etwas länger: Duane Fitzgerald hat sich als junger Marine freiwillig für ein hochgeheimes militärisches Experiment gemeldet. Einen Supersoldaten wollten sie aus ihm und noch einigen anderen machen. Was ihnen auch gelang. Duanes Sinne lassen jeden Spürhund vor Neid erblassen, seine Reflexe lassen die Bewegungen einer Raubkatze wie die eines betrunkenen Nilpferds aussehen und bei einem Ringkampf mit ihm würde jeder Grizzly den Kürzeren ziehen. Die Sache hat nur einen Haken: Seine ganzen Superkräfte basieren auf geheimer und höchst experimenteller Technik und er selber wird auch nicht jünger. So hat der „Super-Stahl-Mann“ nicht nur mit den ganz gewöhnlichen Tücken des Alltags zu kämpfen, sondern auch damit, dass er keine gewöhnliche Nahrung mehr zu sich nehmen kann, jedenfalls nicht, wenn er sie bei sich behalten will.
Eines Tages fängt ein Fremder an im Ort Fragen nach ihm zu stellen und ihn zu suchen. Zuerst versucht Duane den Fremden zu meiden, was ihm dank seiner Sinne und Fähigkeiten auch gelingt. Aber dann laufen sich die beiden doch über den Weg, was für den Fremden letztlich den Tod bedeutet.

Meine Meinung

Die Bücher von Andreas Eschbach die ich bisher gelesen habe lasen sich alle fast von selbst. Sie sind so geschrieben, wie ich ein Buch auch schreiben wollte: Ohne Füllmaterial. Und es gibt keinen Deus ex machina, das Ende ist schlüssig und wenn man es genau nimmt das einzig wirklich stimmige und überhaupt mögliche Ende, falls man bei einem Sci-Fi Roman von „möglich“ als Kriterium sprechen kann, handelt es sich hierbei doch nicht um „Hard-SF“.
Man wird zu Beginn der Geschichte gleich mitten in den Alltag von Duane geworfen und gewinnt dadurch möglicherweise den Eindruck, dass dem Buch was abginge, wird doch gleich offen dargelegt, dass Duane Fitzgerald ein Cyborg ist. Da der Weg, wie der Leser in die Geschichte mit hineingenommen wird aber ein wenig offensichtlicher ist macht es auch nichts, einige Details schon vorher zu kennen. Einzig an einer Stelle war ich ein kleines bisschen „enttäuscht“, weil ich sofort gewusst habe, was diese Situation zu bedeuten hat. Von diesem kleinen Mangel abgesehen – Ja, ich finde es nunmal schade wenn ich vorher weiss, was passieren wird – ist es ein sehr leicht und flüssig zu lesendes Buch mit einer guten Geschichte und plastischen Charakteren. So weiss ich genau wie der Bruder der Frau, die Duane, seit er in Irland lebt, aus der Ferne anhimmelt, aussieht. Oder ich sehe den Gesichtsausdruck einer der Feinde von Duane im Moment, in dem er realsiert, mit wem er es hier zu tun hat.

Fazit

Falls es noch nicht rausgekommen ist hier im Klartext: Kaufen und lesen! Das Buch hat etwas mehr als 350 Seiten und liesst sich weg wie nichts.

Gesamteindruck

Sprache / Stil: 9/10
Figuren: 10/10
Handlung: 8/10 Wegen dieser einen Sache da …
Schlusswertung: 9/10 Punkte

Der letzte seiner Art
Bastei Lübbe / 2005 / 352 Seiten
Andreas Eschbach
ISBN: 978-3-404-15305-3

Leseliste für die Ravenport Sci-Fi Challenge

Der Dani Vega hat zusammen mit seinem Kumpel, dem Lordprong eine Sci-Fi Lese Challenge ausgerufen. Hier ist nun meine vorläufige Leseliste. Möglich, dass sie sich noch ändern wird, aber nicht mehr sehr wahrscheinlich.

Für mich ist fast alles dabei. Einige der hier aufgeführten Bücher lese ich nicht zum ersten Mal, andere „kenne“ ich dem Namen und ihrem Ruf nach und wieder andere sind mir gänzlich unbekannt. Aber das ist spannend, bis in etwas mehr als zehn Monaten werde ich wissen, ob aus meiner Sicht hauptsächlich Perlen oder eher Nieten darunter sind.

Ich will mit dieser Liste keinen der anderen Teilnehmer zu irgendwas bewegen, weder es mir (mit den Büchern die zu lesen sie beabsichtigen) gleich zu tun noch das Gegenteil. Es ist eher für mich, damit ich weiss, was auf mich zu kommt, damit ich Planen kann und sehe, welches Buch ich unter welchen Umständen lesen kann (Zeit und … äh, eigentlich nur Zeit, sie ist das entscheidende Kriterium).

Damit die Bücher leichter den einzelnen Stationen der Sci-Fi Challenge zugeordnet werden können habe ich deren Bezeichnung jeweils mit angegeben. Und dass manche Bücher in mehreren Stationen auftauchen, ist in erster Linie die Schuld deren Autoren, die ein „zu vielseitiges“ Werk geschaffen haben.

Sonne – „Solaris“ von Stanislaw Lem
Merkur – „Spektrum“ von Sergej Lukianenko
Venus – „Das Kantaki Universum – Diamant“ von Andreas Brandhorst
Erde – „Der letzte seiner Art“ von Andreas Eschbach
Mars – „Krieg der Klone“ von John Scalzi
Jupiter – „Perry Rhodan 2500 – 2525 – Stardust Zyklus“ von div. Autoren
Saturn – „Diamond Age“ von Neal Stephenson
Uranus – „Herr aller Dinge“ von Andreas Eschbach
Neptun – „Zeitschiffe“ von Stephen Baxter
Pluto – „Eine Handvoll Venus“ von Frederik Pohl, Cyril M. Kornbluth

Eine Erklärung oder Legende der Stationen findet man hier

BTW: Meldet euch doch auch für die Sci-Fi Challenge an, je mehr Leser und Rezensierer mitmachen desto besser und interessanter!

UPDATE: Es gab einige Umstellungen der Liste. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, dass ich Bücher grade nicht finde (Umzug) oder sie mir doch „unpassend“ für die vorgesehene Station erscheinen.

[Rezi] „Sternenspiel“ und „Sternenschatten“ von Sergej Lukianenko

Die Bücher:

Sternenspiel – ISBN 3-453-52411-8
Sternenschatten – ISBN 3-453-52553-5

Zusammenfassung

Kurz: Mensch rettet Erde vor Zerstörung
Etwas länger: Pjotr Chrumov, ein kosmischer „Furhmann“ (so werden die Menschen von den Starken Rassen des „Konklave“ genannt) schon beinahe Anti-Alkoholiker gerät durch intrigante Machenschaften in die Position des Retters der Erde.
Die Starken Rassen drohen die Erde zu zerstören und dies wird Pjotr von einem „Zähler“, einem Reptilienartigen Wesen mitgeteilt. Dieser will unbedingt zur Erde und mit Pjotrs Grossvater sprechen, einem 72-jährigen Zyniker und Alien-Hasser. Die Zähler wissen schon länger, dass etwas im argen liegt. Aber nicht nur die Zähler sind mit dem Status Quo unzufrieden …

Meine Meinung

Abgesehen von sehr viel russischer Sozialkritik und diversen Zitaten aus anderen Quellen findet sich sehr gut verpackt in eine wunderbare Geschichte, die nicht so ausgeht wie erwartet, die Entwicklung eines Menschen der vom „Fuhrmann“ zum Helden wird und schliesslich Frieden mit seinem „Schicksal“ und seiner „Bestimmung“ schliesst.
Absolute Empfehlung für alle Fans von tiefgründiger Sci-Fi. Sehr wenig Effekte. Keine Riesenknaller. Dafür gut verpackte Sozialkritik und Anregungen zu Themen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit …

Buchglücksfund

Eben ging ich aus dem Büro zu einem Kunden. Heute ist Mittwoch und an vielen Orten in der Stadt Papiersammlung. Als ich an einer Tüte mit einem Bündel Papier vorbeikam, sah ich mit einem Mal, dass da noch mehr drin war: BÜCHER! Und zwar alles Hardcover. So wie sie aussehen alle höchstens einmal gelesen und mit einer mir schleierhaften Sorgfalt behandelt. Schleierhaft darum, weil ich Bücher NIE so weg“werfen“ würde. Dazu bräuchte ich nicht die Umwelt und deren Schutz (das Papier muss ja verbrannt oder auf andere Art wiederverwertet werden). An anderer Stelle habe ich ja schon erwähnt, dass ich Bücher, die ich nicht mehr „will“ höchstens verschenken oder verkaufen würde.

Was mich aber besonders gefreut hat war der Umstand, dass, als ich ca. 40 Minuten später nach getaner Arbeit den Kunden wieder verliess, die Laster für die Papiersammlung schon durch die Strasse gefahren waren. Ich kam also genau rechtzeitig um die armen Kulturgüter zu retten! *freu*
Hier nun eine Liste der Fundstücke:

Mit Ausnahme von „Limit“ waren es alles Bertelsmann-Club Ausgaben, aber egal. Eigentlich hat mich auch das letzte auf der Liste überhaupt erst auf die Tüte mit den Büchern aufmerksam gemacht.

Vermutlich werde ich den Club-Büchern bald die Freiheit wieder schenken. Hat jemand Erfahrung damit? Da gibt es doch so Seiten …

Sci-Fi aus dem Osten

Jaja, wusste ich erst auch nicht, dass es solche gibt. Gut, gehört habe ich beide Namen schon, aber wirklich was damit anfangen konnte ich nicht. Im einen Fall schon, aber dass Sergej Lukianenko auch Sci-Fi schreibt war mir neu. Jetzt bin ich grade an „Sternenspiel“ zu lesen, bzw. hören. Und was soll ich sagen: 5 Minuten hören und ich war in der Geschichte drin ohne Aussicht auf einen Ausweg. Er schreibt flüssig, sofern das überhaupt möglich ist ins Deutsche rüber zu nehmen, und leicht. Ich wollte sofort nur noch eins MEHR! Mit dem Hörbuch, das glücklicherweise nicht gekürzt ist – was denken die Leute sich eigentlich dabei ein Hörbuch zu kürzen? Ein Buch wird ja auch nicht gekürzt.

Ich muss da jetzt mal kurz ausholen: Ich finde es absolut inakzeptabel, Bücher, die von den jeweiligen Autoren geschrieben wurden einfach so zu kastrieren. Wer sind die Vertoner von Büchern, dass sie sich anmassen zu entscheiden, welcher Teil vom Buch nun wichtig ist und welcher nicht? Leider war mir bei meinen ersten Hörbüchern nicht bewusst, dass „gekürzt“ tatsächlich „kastriert“ meint. Jajaja, natürlich kommt „der Inhalt“ immernoch irgendwie rüber. Aber ganz bestimmt nicht so, wie er es hätte können und _sollen_. Mein Aufruf an alle Hörbuchverlage lautet also: Kürzt nicht! Lieber zahlen wir die paar wenigen Euro mehr, dafür haben wir das richtige Hörbuch, so wie es sein soll. So. Und damit ich jetzt nicht noch böse werde klemme ich hier ab.

Zurück zum Thema: Sergej Lukianenko und Stanislaw Lem. Von Letzterem lese ich ja grade „Solaris“. Auch sehr packend, bereits nach noch nicht mal 20 Seiten. Gutes Buch. Muss ein gutes Buch sein, sonst hätte ich es wohl nicht gekauft oder zumindest gleich wieder weiter verkauft. Wie es ausgeht? Weiss ich nicht. Eine Ahnung habe ich zwar, aber wenn das Buch so gut ist wie ich denke, ist die falsch. 😉 Ich darf also gespannt bleiben.

[Rezi] „Otherland 1-4“ von Tad Williams

Die Bücher:

Otherland Bd.1: Stadt der goldenen Schatten ISBN 3-608-93421-9
Otherland Bd.2: Fluss aus blauem Feuer ISBN 3-608-93422-7
Otherland Bd.3: Berg aus schwarzem Glas ISBN 3-608-93423-5
Otherland Bd.4: Meer des silbernen Lichts ISBN 3-608-93424-3

Zusammenfassung

Ein todkranker Junge, eine Lehrerin, der letzte Buschmann, der älteste Mensch, ein durchgeknallter Killer, ein Mann im Rollstuhl, ein vermeintlicher Soldat, ein „Stück“ Software … Die Geschicke dieser und noch eingier anderer Personen sind alle mit dem Schicksal von Otherland verwoben.

Otherland ist eine virtuelle Welt, in der einen die Unsterblichkeit erwartet. Zumindest ist dies die Hoffnung eines sehr reichen und noch exklusiveren Kreises von mächtigen Männern. Um ihr Ziel zu erreichen gehen sie über Leichen.
Es ist nun an der wie zufällig zusammengewürfelt scheinenden Schar von Menschen dies zu verhindern.
Aber wer weiss denn schon, dass sich hinter dem unbesiegbaren Barbaren Thargor ein kleiner Junge mit einer unheilbaren, todbringenden Krankheit verbirgt? Und wer sind die anderen? Wem kann man trauen? Was ist „wirklich“?

Meine Meinung

Tad Williams schreibt – zumindest zu Beginn – alles andere als reisserisch. Ich musste mich durch die ersten 150 Seiten durchkämpfen. Aber dann plötzlich kam die erste Ahnung davon, dass die einzelnen Handlungsstränge irgendwie miteinander verwoben sein könnten. Und sie waren es. Und wie! Plötzlich stösst man auf Begebenheiten, die man doch schon kennt. Oder doch nicht?

Wenn man die Geduld aufbringt sich durch nahezu die Hälfte eines normalen Taschenbuchs zu kämpfen – um dann noch über 700 Seiten (im ersten von vier Bänden) vor sich zu haben – dem sei Otherland empfohlen. Es ist eine detaillierte Welt, eine ebenso detaillierte Geschichte mit vielschichtigen Personen, die jedoch manchmal etwas in die Länge gezogen wirkt. Nichts desto trotz ist Otherland ein Buch dessen Figuren einem mit der Zeit wirklich real erscheinen. Man leidet mit den Guten und kann die Bösen nicht ausstehen.

Man trifft jedoch nicht einfach schwarz/weiss gezeichnete platte Ueberzeichnungen von Helden und Bösewichten. Sogar der „Oberbösewicht“ kommt einem bisweilen fast ein bisschen sympathisch vor.