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[SFCh-Rezi] „Solaris“ von Stanislaw Lem

Die Station:

Sonne – Klassische Sci-Fi.

Und so beginnt es:

»Um neunzehn Uhr Bordzeit stieg ich, vorbei an den Leuten, die den Schacht umstanden, über die Metallsprossen ins Innere der Kapsel hinab. Drinnen war gerade genug Platz, um die Ellbogen wegzuspreizen. Sobald ich das Ende in die Leitung geschraubt hatte, die aus der Wand hervorstand, blähte sich der Raumanzug auf, und von nun an konnte ich nicht die kleinste Bewegung mehr ausführen. Ich stand — oder hing vielmehr — im Luftbett, mit der Metallhülle in eins verfugt.«

Zusammenfassung

Kurz: Ein Psychologe soll den Wahnsinn auf einer Station auf einem Planeten mit vermeintlich intelligentem See untersuchen,
Etwas länger: dabei trifft er seine Jugendliebe, die gar nicht seine Jugendliebe, sondern eine immer komplexer werdende Kopie, aufgebaut aus einem den Forschern bis dato unbekannten Material – und darum auch beinahe unsterblich – ist.

Meine Meinung

Es ist schwierig ehrlich über ein Buch zu schreiben, das zehn Jahre älter ist als man selber und sich dabei nicht all die lieben Menschen um einen herum zu Feinden zu machen, die dieses Buch so toll finden. Am einfachsten liesse sich das bewerkstelligen – und vermutlich auch dahingehend, dass ich mir den einen oder anderen Bekannten und/oder Freund bewharen kann – indem ich ein vielsagendes Satzzeichen für mich sprechen lasse. Nämlich das Fragezeichen. Denn genau das ist es, was mir heute morgen, als ich das Buch endlich zu Ende gelesen hatte, vor meinem geistigen Auge schwebte. Man schaut sich dieses Buch an und denkt sich: „Pha, 288 Seiten, das liesst sich ja weg wie nichts.“ Denkt man sich. Weit gefehlt. Ich sass fast zwei Wochen daran. Vereinzelt hat es mir zu hervorragendem Schlaf verholfen, und das unter gänzlichem Verzicht auf entsprechende pharamzeutische Hilfsmittel.
Dabei war noch nicht mal die für meine Ohren etwas altbacken wirkende Sprache das grösste Problem. Das kann ja im Gegenteil sogar gar reizvoll sein. Nur wenn ich manchmal über eine halbe Seite hinweg nicht weiss, wer denn jetzt spricht und ob er überhaupt noch spricht, oder schon wieder denkt, Selbstgespräche führt oder als Erzähler auftritt, dann empfinde ich das vorsichtig ausgedrückt als mühsam.
Die Figuren wirkten auf mich seltsam behäbig, unlogisch und handelten für mich oft nicht nachvollziehbar. Sie hatten „zu wenig Fleisch“ an den Knochen. Wer oder was genau ist nun diese Frau und warum hat sie gemacht was sie zum Schluss gemacht hat?
Die Sprache ist wie schon erwähnt über 50 Jahre alt, was aber kein Nachteil sein muss. Allerdings scheint mir die Kombination aus über 50 Jahre altem Polnisch und einer Übersetzung ins Deutsche irgendwann zwischen damals und jetzt in ein über 50 Jahre altes Deutsch keine gute Vorasussetzung für einen Lesegenuss im Hier und Jetzt zu sein. Zu Deutsch: Ich mag keinen deutschen Text ins Deutsche übersetzen wenn ich einen Roman lese.
Zum Schluss: Was hat bitteschön „Solaris“ mit Sci-Fi zu tun? Überall bekomme ich um die Ohren geschmissen, das Buch wäre ein Klassiker der Sci-Fi. Ich denke, die meisten die solcherlei Unsinn verzapfen haben das Buch im Besten Falle als Staubfänger im Regal stehen, mitnichten jedoch jemals lesenderweise sich zu Gemüte geführt.

Fazit

Leider keine Kaufempfehlung. Herr Lem hätte sich meiner Meinung nach lieber als Philosoph und/oder Lyriker betätigt.

Gesamteindruck

Sprache / Stil: 6/10
Figuren: 6/10
Handlung: 2/10
Schlusswertung: 5/10 Punkte

Solaris
List / 2006 / 288 Seiten
Stanislaw Lem
ISBN: 978-3-548-60611-8

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Kommentar

  1. Hi Marc,

    Hmm. Ich habe Solaris nicht gelesen, aber deine mässige Rezension wundert mich jetzt doch etwas.
    Vielleicht ist das einfach nur das Buch, das nicht besonders gut ist, als ich „der Unbesiegbare“ gelesen habe, war ich ziemlich beeindruckt gewesen.
    Aber über Meinungen lässt sich ja trefflich streiten 😉

    Eine Sache ist mir aufgefallen, die die Figuren betrifft. Du schreibst, dass sie seltsam unlogisch und behäbig wirken …
    So etwas Ähnliches ist mir aufgefallen, aber nicht auf eine negative Weise. Beim „Unbesiegbaren“ dreht sich die Geschichte um die zwei Protagonisten. Die übrigen „Akteure“ sind oberflächlich, undurchschaubar, wie Masken. Erstaunlicherweise empfand ich das aber nicht als Schwäche des Romans, denn es lenkte meinen Fokus auf die beiden Protagonisten, die umso besser ausgearbeitet waren.

    Die Sprache, im übrigen, der Übersetzerin Roswitha Dietrich (Suhrkamp-Ausgabe) ist weit von einer Schwerfälligkeit entfernt. Sie wirkt frisch und angenehm, nur einige inhaltliche (vor allem technische) Dinge wirken veraltet, aber da kann man als Übersetzer ja nichts ändern.
    Vielleicht hast du einfach nur eine schwache Übersetzung in die Finger bekommen.
    Falls du dir also doch noch mal einen Lem antun willst, kann ich dir den „Unbesiegbaren“ empfehlen. Knapp über 200 Seiten, aber keine Schlaftablette in Druckform 😉

    Gruss Dani

    • Hi Dani

      Ich weiss. Jeden den ich fragte sagte Vergleichbares. 😉 Ich streite auch mit niemandem darüber. Aber ich empfand den Text als etwas „behäbig“. Die Dialoge waren kaum als solche zu erkennen und wenn doch, wusste ich nie genau, wann jetzt wer spricht. Manchmal wurde direkt von direkter Rede zu Offstimme aus der Perspektive des Protagonisten zur nächsten direkten Rede (aber von wem?) übergegangen.

      Wie gesagt, das Buch hat rund 270 Seiten, also vergleichsweise dünn wenn man bedenkt, was wir schon gelesen haben. Trotzdem habe ich brutal lange dafür gebraucht. Vielleicht wäre es als Hörbuch besser geeignet, dann kann ich mich voll auf den Text konzentrieren. Ich denke ich bin geneigt, dem „Buch“ und damit auch dem Autor nochmal eine Chance zu geben. 😉
      Was du über die Hervorhebung der Hauptfiguren zugunsten der Nebenfiguren sagst kann ich nachvollziehen.
      Ich dachte mir halt, in Bezug auf meinen Admiralsrang, „Solaris“ wäre leichter und schneller zu lesen als „Die Foundation Trilogie“. Ich prüfe das nach. 😉

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